Niedrigwasser belastet Wirtschaft - Bauindustrie fordert "Klima-Fitnessprogramm"
Der niedrige Wasserstand vieler Flüsse infolge extremer Trockenheit bereitet der deutschen Wirtschaft Sorgen und macht Forderungen nach einer besseren Anpassung laut. Angesichts eines drohenden Niedrigwasser-Rekords im Rhein hob Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne) hervor, dass der Fluss nicht nur "Lebensader", sondern auch "einer unserer wichtigsten Handelswege" sei. Die Bauindustrie mahnte ein "Klima-Fitnessprogramm" für Deutschlands Wasserstraßen an.
Die Pegelstände zahlreicher Wasserwege sind wegen ausbleibender Niederschläge derzeit außergewöhnlich niedrig. So wird beispielsweise für den Rhein in Düsseldorf für den kommenden Samstag nach Angaben der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes ein Pegel von lediglich 21 Zentimetern erwartet - zwei Zentimeter weniger als beim bisherigen Tiefststand vom Oktober 2018.
Die aktuell niedrigen Pegelstände stellten die Wirtschaft vor Herausforderungen, sagte NRW-Wirtschaftsministerin Neubaur der "Rheinischen Post" vom Donnerstag. "Wir beobachten die aktuelle Lage daher sehr aufmerksam."
Für die Wirtschaft nachteilig ist das Niedrigwasser vor allem deshalb, weil sich dadurch die Transportkapazität der Binnenschifffahrt deutlich verringert. "Die Schiffe können nur noch mit verringerter Ladung fahren, was die Logistikkosten erhöht und den Druck auf Straße und Schiene als Ausweichrouten verstärkt", erklärte am Donnerstag Thilo Schaefer vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW). "Für die Industrie ist das vor allem deshalb problematisch, weil Massengüter und Vorprodukte kurzfristig nicht beliebig auf andere Verkehrsträger verlagert werden können."
Wie groß die Schäden durch das aktuelle Niedrigwasser ausfallen, lässt sich demnach aber noch nicht verlässlich abschätzen. Dies hänge "stark von Dauer, regionaler Ausprägung und der Entwicklung an kritischen Engstellen" ab, erklärte Schaefer, der beim IW den Bereich Digitalisierung und Klimawandel leitet. "Klar ist aber, dass frühere Niedrigwasserphasen gezeigt haben, dass die Effekte über den Verkehrssektor hinausreichen können", fügte er hinzu. Betroffen seien insbesondere Branchen wie Chemie, Stahl, Mineralöl, Energie und Bau - "also Bereiche, die in hohem Maß auf kostengünstige Transporte großer Gütermengen angewiesen sind".
Der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie warnte am Donnerstag, dass vor allem der Rhein "als wichtigste Wasserstraße Europas" zunehmend an seine Belastungsgrenzen stoße. Für Wirtschaft und Industrie seien zuverlässige Transportwege jedoch "eine Grundvoraussetzung für Wachstum, Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit". Deutschland müsse seine Wasserstraßen "schneller modernisieren und klimaresilient ausbauen", forderte der Verband und verwies darauf, dass das Niedrigwasser anders als in früheren Hitzesommern auf eine Stahl-, Chemie- und Automobilindustrie treffe, die tief in der Krise stecke - "und die jeder Euro Mehrkosten doppelt schmerzt".
"Niedrigwasser gehört leider mittlerweile zu den Hitzeperioden in den Sommermonaten dazu", erklärte der Hauptgeschäftsführer des Verbands, Tim-Oliver Müller. Umso wichtiger sei es daher, "die wirtschaftlichen Auswirkungen deutlich zu begrenzen, indem die Wasserstraßen zuverlässig unterhalten, Engpässe beseitigt und notwendige Ausbauvorhaben konsequent umgesetzt werden", fügte er hinzu. "Dazu gehören leistungsfähige Fahrrinnen, funktionierende Schleusen, Wehre, Brücken und Hafenanbindungen."
NRW-Wirtschaftsministerin Neubaur sprach sich in der "Rheinischen Post" indes gegen Forderungen nach einer generellen Vertiefung der Fahrrinne des Rheins aus. "Eine Vertiefung der Fahrrinne auf der Gesamtstrecke ist nicht die Lösung", sagte sie der Zeitung. Sollte an einzelnen Stellen ein solcher Eingriff die Lage erheblich verbessern, müsse das im Einzelfall sehr sorgfältig abgewogen werden.
"Es wird leider nicht unsere letzte Niedrigwasserphase bleiben", sagte Neubaur der "Rheinischen Post" weiter. "Wir müssen als Gesellschaft alles daran setzen, den Klimawandel zu bremsen - und zugleich muss sich jede und jeder leider auf die Folgen des Klimawandels einstellen." Die nordrhein-westfälische Landesregierung unterstütze deshalb Forschungsbestrebungen für moderne Schiffe, die bei geringerer Fahrrinne mehr transportieren könnten.
W.Hidalgo--HdM